CVJM-Magazin

CVJM-Magazin 02 | 2018

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AUS DEM MAGAZIN: (ungekürzte Version)

 

Projekt Internationale Großfamilie - wie aus fünf acht wurden | Ursula Bien 

 

Zunächst wollte ich mich nicht tiefer in der Arbeit mit Geflüchteten engagieren, doch eine Verkettung ungewöhnlicher Ereignisse hat Anfang 2016 dazu geführt, dass wir drei Jugendliche, Nedal (20), seinen Bruder Nour (18) und ihren Cousin Hamza (13) kennen lernten. Sie lebten in sehr schwierigen Verhältnissen in einer Sammelunterkunft und waren mit den Anforderungen des Alltages völlig überfordert. Gott stellte mir die drei und ihr Bedürfnis nach einer neuen Bleibe ins Sichtfeld und zeigte mir, was er sich von mir wünscht. Er gab mir alles Nötige um zu helfen und so packten wir es an.

Erste Schritte

Um Platz zu schaffen, zogen mein Mann und ich in ein kleineres Zimmer und unser Schlafzimmer wurde für die drei Jungs hergerichtet. Die Ämter stimmten ihrem Einzug nach schwieriger Überzeugungsarbeit und der Übernahme der Pflegschaft für Hamza zu. Kein einfacher Schritt, denn damit war schnell klar, dass das Ganze mehr als eine Sache für ein paar Wochen werden würde, schließlich brauchten die Jungs mehr als einen Platz zum Schlafen, sie brauchten eine Familie.

Herausforderungen

Von vielen Vorurteilen, wie der Unterstellung finanzieller Vorteile oder Warnungen vor der eventuellen Kriminalität der Jungs mussten wir uns im Vornherein frei machen. Außerdem stellte sich heraus,

dass das größte Problem nicht in der Sprache, der Religion oder in kulturellen Unterschieden liegt, sondern darin, dass sich junge, eigenständige Männer, die eigentlich in einem Alter sind, in dem man sich von den Eltern abnabelt, in eine neue Familie integrieren und Hilfe annehmen müssen.

Besondere Momente

Seit zwei Jahren erleben wir viele schöne Zeiten mit unseren gesunden Kindern, drei eigenen und drei dazugekommenen, die mich als ihre zweite Mutter angenommen haben. Nach einem Streit mit Nour schenkte er mir ein Bild mit einem Herzen und einer möblierten Kammer in der Mitte. Die Bildunterschrift lautete "Hier wohnst Du“, da merkte ich einmal mehr, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben.

 

Die Situation jetzt und die Familienzusammenführung

Seit 2017 hat sich die Familienzusammensetzung erheblich verändert. Hamza, den kleinsten, haben wir im März 2017 nach Norwegen zu seiner Familien gebracht. 

Denn als im Oktober 2016 Hamzas Familie mit UNHCR nach Norwegen floh, war klar, die Familie wird, soll und muss jetzt wieder zusammen kommen. Aber die rechtliche Situation war kompliziert. Weder die Familie noch Hamza hatten einen Status um eine Familienzusammenführung zu beantragen. Dazu kam noch, dass Hamzas kleinster Bruder (3) schwer an Krebs erkrankt war

und praktisch im Sterben lag. Leider waren auch das Jugendamt und das Ausländeramt mit der Frage, wie man nun Hamza wieder zu seiner Familie bringen kann überfordert. Nachdem Hamza im Januar Ausweispapiere und einen Pass bekam, war es möglich innerhalb Europas zu reisen. Ich habe mich mit der norwegischen Einwanderungsbehörde in Verbindung gesetzt und für ihn die Onlineregistreirung und Organistation übernommen. Darauf folge ein Termin im März, an dem er sich vor Ort melden musste. Dank der Faschingsferien hatten Hamza und ich die Möglichkeit mit Nour als Übersetzungshilfe nach Norwegen zu reisen. In Bergen bin ich mit allen Unterlagen zur Einwanderungsbehörde gegangen und konnte erwirken, dass Hamza direkt bei seiner Familie bleiben und dort auf die Entscheidung seines Falles warten durfte.

Leider verstarb Hamzas kleiner Bruder eine Woche vor unsrer Ankunft. Wir haben, trotz all der Freude, natürlich eine stark traumatisierte Familie vorgefunden. Sie waren von der Gesamtsituation völlig überfordert. Die strengen religiösen Regeln, nach denen die Familie lebte, machten eine für mich herzliche und nahe Beziehung fast unmöglich, zumindest nicht in der Form, in der ich es gewohnt war und mir gewünscht hätte. Trotzdem war diese Reise wie ein Wunder. Ohne die große rechtliche Unsicherheit hatte ich das Gefühl, dass Gott überall, wo ich hinkam schon da war, die Situation für uns vorbereitet hatte und Menschenfür uns bereit stellte, die uns halfen und unterstützten. Auch Gebete der CVJMer in Markt Erlbach waren bis Norwegen spürbar.

Hamza ist seitdem wie ausgewechselt. In der ganzen Zeit, die er bei uns schon lebte, hatte ich ihn noch nie so glücklich gesehen. Er war wie ein Fisch, den man aus dem Glas zurück ins Meer getan hat. Er war da, wo er hingehörte, das war toll und diese Erfahrung war allemal alle Schwierigkeiten wert. Dass uns diese Aktion ein Monatsgehalt gekostet hat ist Nebensächlich. Wann hat man in seinem Leben schon Mal die Gelegenheit, so etwas Krasses zu tun. Ein Flüchtlingskind nach anderthalbjähriger Trennung mit seiner Familie in einem sicheren Land wieder zusammen zu führen. Emotional war es für mich die schwerste Zeit. Jetzt, mit genügend Abstand, kann ich es immer besser verarbeiten und freue mich, wenn ich sehe und höre, wie gut es Hamza in Norwegen bei seiner Familie geht.

Nedal wohnt seit Oktober mit seiner Freundin in einer eigenen Wohnung. Er hat eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann in einer Supermarktkette begonnen. Nour lebt nach wie vor bei uns. Er ist im ersten Ausbildungsjahr zum Schreiner und immer noch Teil unserer Familie.

Tipps für potenzielle Nachahmer

Eine starke und stabile Familiensituation ist enorm wichtig. Vielleicht ist aber der wichtigste Tipp, sich keine genaueren Vorstellungen und Pläne zu machen, sondern sich bewusst darauf einzulassen, dass neue Menschen neue Erfahrungen mitbringen und unser Leben auch durcheinander bringen werden und dürfen. Ich versuche alles Gottes Führung anzuvertrauen und aus seiner Kraft zu leben.