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Jahresthema

Was wir meinen zu sagen

Was wir meinen zu sagen

 

Oft ist es gar nicht so einfach die richtigen Worte zu finden, Definitionen zu formulieren und Bedeutungen in Einklang zu bringen. Sabrina Meier hat sich in ihrer Masterarbeit unabhängig unseres Jahresthemas der Aussage ‚im Glauben sprachfähig‘ angenommen.

 

Schöpfung, ewiges Leben, Rechtfertigung - könnte man als „religiöse“ Begriffe bezeichnen. In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wünschen wir uns damit verbundene Inhalte näher zu bringen. Aber oft merken wir, dass es nicht einfach ist und wir nach Umschreibungen ringen, mit Bedeutungen kämpfen und uns manchmal sogar sprachlos fühlen. Wie können wir

mit dieser Herausforderung als Mitarbeitende umgehen?

 

Wie Worte unsere Sprache prägen

 

Genau hier wollte ich ansetzen. Ich wollte herausfinden, wo und wie junge Christinnen und Christen über ihren Glauben sprechen und welche Inhalte dabei eine Rolle spielen. Während meiner Forschungsarbeit wurde deutlich, dass die junge Generation eindeutig sprachfähig ist, was die Kommunikation ihres Glaubens angeht. In einer Sprache, die nicht durch scheinbar religiöse Begriffe geprägt ist, sondern ihrem Alltag entspricht. Durch einen gewachsenen Traditionsabbruch entsteht eine Werteverschiebung innerhalb der jungen Generation. Das führt zu einer anderen Bedeutung von Begriffen, wie noch vor einigen Jahrzehnten. Deutlich wird das am jugendlichen Verständnis von ‚Rechtfertigung‘. Viele erklärten mir, dass sie darunter eine Entschuldigung für den eigenen Glauben oder gar die Kirche verstehen. Diese Deutung steht dem traditionell-religiösen Verständnis gegenüber, das die Rechtfertigungslehre in Verbindung bringt.  
Auch der Begriff ‚Kirche‘ war besonders auffällig. So wird er nicht als Ortsgemeinde verstanden, sondern steht für den institutionellen Überbau. Der wird als negativ wahrgenommen – ganz im Gegensatz zur Ortsgemeinde, die mit positiven Erlebnissen verbunden wird.

 

Wer auf meine Worte hört

 

In Verbindung mit Kirche sticht eine weitere Erkenntnis heraus. Jugendliche und junge Erwachsene äußerten, dass sich ihre Gespräche über Glauben vermehrt im vertrauten, kleinen Rahmen abspielen. An eine Glaubenskommunikation im öffentlichen Raum ist nicht zu denken. Hier lohnt es sich einmal über das Verständnis von Gemeinde und Jugendgruppe als öffentlicher Ort nachzudenken. Das beeinflusst die Wahrnehmung, ob diese Räume sich für Glaubensgespräche eignen.

 

Nicht überraschend waren die Aussagen, dass die Beziehungsqualität Einfluss darauf hat, ob eine Person als Gegenüber für religiöse Kommunikation in Frage kommt. Überraschend allerdings, dass die Glaubensüberzeugung dabei nur zweitrangig ist. Doch die Haltung des Gegenübers spielt eine sehr entscheidende Rolle: kein Teenager fängt mit einer fremden, uninteressierten Person an über den Glauben zu reden. Ich frage mich, inwieweit unsere Angebote diesem Bedürfnis nachkommen? Und weil die Welt – besonders die Glaubenswelt – so komplex ist, spielt auch der Zeitfaktor eine wichtige Rolle. Um der Komplexität der eigenen Gedankenwelt gerecht zu werden, brauchen die Jugendlichen den Raum um sich ausdrücken zu können. Lagerfeuergesprächen mit Open End werden Tür-und-Angel-Gesprächen vorgezogen. Denn dort ist niemand gezwungen, etwas Wichtiges verkürzt darzustellen.

 

Wo Gespräche einen Rahmen finden

 

Interessanterweise konnte ich verschiedene Grundhaltungen bei Glaubensgesprächen feststellen. Für einige junge Christen und Christinnen werden diese als ‚Dialog auf Augenhöhe‘ wahrgenommen. Getragen von Wertschätzung und Annahme. Glaube ist in diesem Verständnis etwas Dynamisches, das sich verändert. Daher sind echte Dialoge inspirierend und Glaubenssprache sehr kontextuelle. Eine andere Gruppe versteht es als Möglichkeit eigener Meinungsäußerung. Hier existieren zwei Welten: die Geistliche und die Weltliche. Sie mischen sich selten, aber wenn im weltlichen Alltag ein geistliches Gespräch stattfindet ist es besonderes - weil es außergewöhnlich ist. Eine Unterhaltung mit Plan und Ziel. Für eine dritte Gruppe sind Glaubensgespräche ein ‚Gespräch des Alltags‘. Durch ein allumfassendes Glaubensgespräch wird es in nahezu jeder längeren Konversation thematisiert. Glaube durchdringt den Alltag und zeigt sich deswegen im gesamten Lebensstil.

 

Wem die Sprache ins Ohr geht

 

Je länger ich mich mit den Aussagen der jungen Christinnen und Christen beschäftigte, desto mehr fiel mir auf, dass es in allen Antworten zwei Kategorien gab, die immer wieder auftraten: eine Sicherheit und eine Unsicherheit in Bezug auf die eigenen inhaltlichen Aussagen, wie auch die Kommunikationsform dieser Inhalte. Daraufhin konnte ich verschiedene Typen* für Glaubenssprache identifizieren.

 

  • Der intuitiv-selbstbewusste Typ redet offen und ehrlich über seinen Glauben. Er macht sich dazu wenige Gedanken, was ihm eine Leichtigkeit stiftet, mit der Gespräche natürlich und entspannt wirken.
  • Beim reflektiert-selbstbewussten Typ liegt eine hohe Eigeninitiative in der persönlichen Auseinandersetzung. Durch sein breites Wissen kann er theologische Konstrukte und Annahmen passend in Gespräche einbringen.
  • Der intuitiv-verunsicherte Typ hat sich wenig mit den Inhalten oder der Kommunikation seines Glaubens auseinandergesetzt. Tendenziell sind Vertreter dieses Typs Jugendliche, deren institutionelle oder familiäre Prägung ihren Glauben geformt hat.
  • Der reflektiert - verunsicherten Typ denkt viel und komplex über den eigenen Glauben nach. Daneben sind auch andere Ansätze Gegenstand von Überlegungen. Das führt allerdings zu einer Verunsicherung über die „richtige Meinung“ oder das „wahre Evangelium“.
  • Der kommunikativ-selbstbewusste, inhaltlich-verunsicherte Typ tritt tendenziell extrovertiert auf und wirkt reflektiert. Die inhaltliche Verunsicherung ist oft erst auf den zweiten Blick zu entdecken.
  • Der kommunikativ-verunsicherte, inhaltlich-reflektierte Typ hat sich viele Gedanken zu seinem Glauben gemacht und ist sich dessen sehr bewusst. Vertreter dieses Typs fallen nicht als große Reden-Schwinger auf, da sie sich bezüglich der Kommunikationsform unsicher sind.
  • Der kommunikativ und inhaltlich verunsicherte Typ kann sowohl reflektiert, wie auch intuitiv sein. Das kann sich auf verschiedene Sachverhalte oder grundsätzlich auf die kommunikative und die inhaltliche Ebene des Glaubens beziehen.

Was wir sagen sollten

 

Mit diesen Ergebnissen möchte ich uns, als Mitarbeitende, einladen, in einen neuen Dialog zu treten. Wenn wir ernst nehmen, was die junge Generation äußert, müssen wir unsere Angebote und Gruppen auf die verschiedenen Kommunikationstypen hin überprüfen. Was nimmt ein inhaltlich verunsicherter, aber kommunikativ selbstbewusster Christ aus der Gruppenstunde mit? Was bedeutet es für meine Andacht, dass es Menschen gibt, die mit mir in einen Dialog treten wollen, statt nur meine Meinung zu einem Text zu wissen? Was wenn in derselben Gruppe junge Menschen sitzen, die aber genau das wollen: meine Meinung hören?

 

Aufgrund meiner Forschungsarbeit kann ich voller Überzeugung sagen: die junge Generation ist in der Lage ihren Glauben zu kommunizieren. Dem Gegenüber angepasst. Die Generation weiß um ihre Schwächen und darum, dass sie „auf dem Weg“ ist. Diesen Weg können sie mit anderen Teilen, ohne dabei zu verschweigen, was sie glauben und wovon sie überzeugt sind. Die Frage ist allerdings, ob wir, als Mitarbeitende, die „gleiche Sprache“ sprechen wie die Jugendlichen, mit denen wir dringend den Dialog suchen sollten!

 

Sabrina Maier

 

*Die in der Aufzählung gewählte männliche Form bezieht sich immer zugleich auf Männer und Frauen.