Startseite> Jahresthema> Von Gott reden. Öffentlich.

Jahresthema

Von Gott reden. Öffentlich.

Lagerfeuer mit Jonas Ott

Von Gott reden. Öffentlich.


Der Mann vor der Lorenzkirche
Wenn ich an öffentlichen Raum denke,
dann denke ich unwillkürlich an unsere Innenstadt.
Ich muss immer an jenen Mann denken,
der auf einer umgedrehten Colakiste steht
er predigt
monoton
„Jesus rettet“!
„Nur ER ist der Weg, die Wahrheit, das Leben!“
Manchmal
Lässt er den erhobenen Zeigefinger
Herunter
Um sich unterbrechen zu lassen
Von einem der Passanten,
der dann mit ihm diskutiert.
„Aber er ist doch nicht der einzige Weg!“
„Doch, die Bibel sagt:
Er ist der einzige Weg!“
Und dann fährt er fort
Zu reden und zu reden
Über die Köpfe der Menschen hinweg.
Er steht mitten im öffentlichen Raum
Und spricht von Gott.

 

Im Landbierparadies
Und ich denke mir:
„Junge, so kann das doch nicht funktionieren!“
Gott wird so von den meisten nicht gehört im öffentlichen Raum.
Wir brauchen die andere Seite.
Nicht von oben herab,
sondern nah und persönlich.
Nicht wilde Proklamationen,
sondern authentisch muss das Evangelium verkörpert werden.
z.B. abends bei einem Bier.
Und ich erinnere mich an eines der Traugespräche,
die ich geführt habe im Landbierparadies,
einer fränkischen Kneipe
mit einem jungen Paar
beide hatten sie mit dem christlichen Glauben so wenig zu tun
und doch waren sie hochinteressiert.
Wir redeten so über Gott und die Welt
Und am Ende haben wir ein Gebet gesprochen
Dort im Landbierparadies und ich
Habe ihnen Segen zugesprochen
und wir haben miteinander gebetet.

Seht ihr: So spricht man über den Glauben,
doch nicht so laut, so unangenehm, so fordernd
so unnahbar, so von-oben-herab.
Sondern nah, persönlich, liebevoll und am
besten von Angesicht zu Angesicht.

 

Im Schulgottesdienst
Dachte ich.
Bis zu jenem Schulgottesdienst.
In dem ich sprach.
Mit Lehrern hatten wir den Gottesdienst miteinander vorbereitet
Und gemeinsam beschlossen, dass ich die
Verkündigung übernehmen sollte
Und ich sprach von Jesus
Wie er seinen Jüngern auf dem See begegnete und
Vom Wasser unter seinen Füßen
Und dass es im Leben darauf ankommt,
den Fuß aus dem trockenen Boot zu nehmen
und auf Jesus zuzulaufen.
Ich erntete harte Kritik.
Es seien schließlich auch muslimische Kinder da.
Und da nur von Jesus zu reden,
sei sehr lieblos
und passe nicht ins Konzept.
Es sei von oben herab und
Ja: im privaten Kontext könne man das machen, aber
Doch nicht im öffentlichen.

 

Bei christlichen Veranstaltungen.
Also besann ich mich und
Redete von Jesus bei SPRING, JesusHouse, dem Kirchentag, dem CHRISTIVAL, Pfingstjugendtreffen, CVJM-Treffen, Jugendgottesdiensten, Kirchenkonferenzen, WillowCreek, Gottesdiensten in anderer Form und in Bobengrün.
Und alle haben genickt.
Ich bin mir nur nicht sicher, wie öffentlich das wirklich war.
Oder war es die Wagenburg. Die christliche. Die Szene. Unser Milieu.
Aber die brauchen wir ja auch.
Zur Stärkung. Zur Aussendung. Zum Sich-Klar-Werden-Was-Wir-Glauben.

 

Am Lagerfeuer
Im Sommer waren wir auf dem Familiencamp am Waginger See.
Geflüchtete Familien waren auch dabei.
Jeder erzählt von seinem Glauben
Am Lagerfeuer.
Ein Arzt aus Syrien erzählt:
„Ich habe bei euch hier in Deutschland das Gefühl,
dass ihr eure Wurzeln verloren habt.
Ihr redet nicht über das, was euch wichtig ist.
Über eure Familien, über Gott, über euren Glauben.
In Syrien reden wir darüber ständig.“
Ein anderer sagt:
„Ich bin Moslem. Aber ihr seid wie Familie für mich.
Ich glaube nicht, was ihr glaubt,
aber es ist schön, dass ihr so offen darüber redet.“
Zwei Syrer, zwei Aussagen.
Ist das Mission? Ist das Dialog?

 

In der Kirche
Dann gehen wir in die Kirche,
denke ich mir.
Das ist irgendwie halböffentlicher Raum.
Ein Gottesdienst zum Thema „Gott. Sex. Und so was.“
Steht an.
Die Presse meldet sich. Viel Presse.
Auch der Deutschlandfunkt ist dabei.
Teile meiner Predigt werden veröffentlicht,
Sätze aus dem Interview
Tönen durch ganz Deutschland.
Und ich erhalte Zuschriften.
Viele:
„Was ich mir einbilde…“ schreibt ein Rechtsanwalt
Mit zweifachem Doktortitel
„so anbiedernd von Gott zu reden.“
Der Glaube und auch das Thema „Sexualität“ seien
Ja wohl ein privates Thema.
Das überhaupt zueinander zu bringen!
Ein anderer schreibt. Er ist Historiker,
mit nur einem Doktortitel
er sei begeistert
und möchte die Predigt gerne
- Weil sie öffentliche Wortverkündigung für ein relevantes Thema unserer Zeit sei -
In sein Buch aufnehmen.

 

 

Ich bin einigermaßen verwirrt.
Von Gott reden im öffentlichen Raum.
Wo kann ich denn öffentlich von Gott reden?
Wo sollte ich lieber ganz persönlich von ihm erzählen?
Ist Glaube Privatsache und wie kann eigentlich öffentlich geglaubt werden?
Wo ist Mission angebracht?
Wo Dialog?
Und schließt das eine, das andere aus?

 

Ich lerne.

 

1. Wir werden Anstoß erregen.

Wenn wir von Gott im öffentlichen Raum reden, wird das nie ohne Reaktion bleiben. Es wird Kritik kommen. Es wird Anstoß erregen. Das ist eine Tatsache, die wir bedenken und mit der wir rechnen sollten. Aber ist das ein Grund, nicht von Gott in der Öffentlichkeit zu reden?

 

2. Der Glaube ist Privatsache – Wer mit Jesus unterwegs ist, dessen persönliches Leben wird umgekrempelt. Meine Überzeugung, meine Nachfolge, mein Leben sind herausgefordert.

Und nur wer persönlich berührt ist, wird erzählen können. „In mir muss brennen, was in anderen zünden soll.“ (Augustin) Was einmal in mir Raum genommen hat, was mich begeistert, was mich berührt, was mich heil werden lässt, von was ich überzeugt bin, das kann erzählt werden. Nur Glaube, der persönlich ist und fest verwurzelt ist in der Bibel, kann öffentlich bezeugt werden. Privates und öffentlichen Glauben kann man nicht trennen. Was man abends beim Bier sagt, sollte man am nächsten Tag auch auf dem Königsplatz verkündigen können.

 

3. Glaube ist eben keine Privatsache, sondern gehört in die Öffentlichkeit. Der christliche Glaube ist sinnstiftend und er geht von der Würde jedes einzelnen Menschen aus. Deshalb gehört er in die Öffentlichkeit. Wir laden ein zu einem liebenden Gott und treten ein für Gerechtigkeit, Versöhnung und Bewahrung der Schöpfung. Das soll ans Licht. Dialog ist erst dann möglich, wenn klar ist, an was ich glaube. Wer sich über den Kern des Glaubens klar ist, der kann in einen tragfähigen, kritischen Dialog treten. Dazu braucht es beides: persönliches Gespräch und öffentliche Verkündigung. Wessen Glaube nicht öffentlich zur Sprache kommen kann, dessen Glaube muss dringend hinterfragt werden. Als Christen müssen wir „zweisprachig“ unterwegs sein: Fest verwurzelt und vertraut mit der Bibel und der Nachfolge Jesu UND vertraut mit den Fragen und Vorstellungen unserer Zeit und der Gesellschaft. So kann Glaube öffentlich relevant sein.

 

4. Der Geist von Jesus trägt immer den Geist der Sendung. Der tiefste Kern unseres Glaubens ist die Mission: Hin zu den Menschen. Wer die Evangelien liest, der ahnt, dass Glaube, der stillsteht, nicht dem Sinn Jesu entspricht. Christlicher Glaube hat auch immer die Aufgabe, die Glaubensinhalte und Glaubenslehren vernünftig und anschlussfähig gegenüber der Gesellschaft hinein zu kommunizieren. Was ist öffentlicher Raum? Das Lagerfeuer, der Deutschlandfunk, der Schulgottesdienst, der Gottesdienst, das Straßenfest, der Sportverein, der Stammtisch, das persönliche Gespräch, das Kinderzimmer – dort, wo wir sind, sind wir hingestellt.

 

5. Wir können immer nur mit Geschichten antworten. Mit unsere persönlichen Lebensgeschichte und der großen Geschichte Gottes. Die Worte der Bibel haben Kraft und das Wort Gottes ist schärfer als ein zweischneidiges Wort. In der pluralistischen Gesellschaft wirst Du in Geschichten antworten müssen. Klar, Nicht scharf, sondern scharfsinnig. Von dem reden, der die Geschichte in der Hand hält und der deine Geschichte verändert. Auf die Frage „Wer bin ich?“ und „Wohin geht es mit dieser Welt?“ werden wir nur mit unserer Lebensgeschichte – mit dem, was Gott in unserem Leben tut, antworten können.

6. Wenn wir nicht öffentlich von Gott reden, dann gefährden wir die Religionsfreiheit. Religionsfreiheit schließt die Freiheit zur Mission ein: Denn das Recht zum Wechsel der religiösen Überzeugungen ist ein Teil der Religionsfreiheit. Deshalb muss das Recht gesichert sein, anderen seinen Glauben zu bezeugen. Wer, wenn nicht wir sollten damit beginnen? Wer selbst dieses Recht in Anspruch nimmt, spricht damit auch anderen dieses Recht zu.

 

Der Anspruch ist hoch.

 

Aber, wer – wenn nicht wir reden von Gott öffentlich? Zu gerne verstecken wir uns hinter den Argumenten: „Das machen Politiker oder Pfarrer!“ oder der Unsicherheit, ob wir angesichts der Multipluralität von Gott reden dürfen oder „Mit Mission wurde so viel schlechtes getrieben“. Dabei gilt: Wer, wenn nicht wir – mitten im Alltag – sollten von Gott reden? Weil wir an die Würde glauben, die jeder Mensch in sich trägt. Wer, wenn nicht wir laden zum Dialog ein, zum Gespräch zum Nachdenken? Ich rede von Gott, ich lebe meinen Glauben mitten in der Welt weil ich einem Vorbild folge, einem Menschen, Gott selbst, der mein Leben verändert hat: Für den Sohn Gottes gibt es keine Grenzen, wenn es darum geht, Menschen anzunehmen und ihnen die Liebe Gottes zu bringen. Deshalb rede ich von Gott. Öffentlich. Privat. Persönlich. und immer
liebevoll.