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Jahresthema

Darf ich den Fahrradfahrer überfahren?

Im Glauben sprachfähig werden

 

Gabriel aus Syrien sitzt am Steuer im Fahrschulauto mit der Hand schon am Blinker: „Darf ich den Fahrradfahrer da vor uns überfahren?“ Der Fahrlehrer zuckt erschrocken zusammen. „Was willst du?“ Gabriel seelenruhig: „Ihn überfahren. Der fährt so langsam.“ In dem Moment realisiert der Fahrlehrer die Situation und korrigiert: „Das heißt überholen und nicht überfahren.“ Bis heute muss Gabriel über dieses Missverständnis lachen. Er verbindet damit auch eine Lektion, die er in dieser Zeit gelernt hat: Die Sprache ist der Schlüssel zum anderen. Von daher ist es so wichtig, sprachfähig zu werden. Und das nicht nur in einer Situation wie der Fahrschule, sondern in all meinen Lebensbereichen.

 

Auf den Glauben übertragen bedeutet diese Einsicht gleich zweierlei:

Ich muss mir für mich selber in meiner Sprache klar werden, an was und wen ich glaube. Nur so wird mein Glaubensbekenntnis echt und nicht als Phrase beim anderen ankommen.

Und zum anderen ist die Beziehung zu Gott nicht nur ein Lebensbereich neben anderen, sondern soll mein ganzes Leben durchdringen, d.h. ich muss selbst Verstandenes so in meine Lebensbereiche übersetzen, damit die Menschen mich dort verstehen können. Welche Worte braucht es da, damit nicht schnell aus „überholen“ ein „überfahren“ wird?

Wir wollen uns 2021 mit vollem Einsatz dem Jahresthema „im Glauben sprachfähig werden“ widmen. Als Auftakt dafür möchte ich mit Dir ein paar biblische Entdeckungen teilen:

 

Seid schnell zum Hören! (Jak 1,19)

Kinder lernen ihre Muttersprache, indem sie zuhören, was mit ihnen und um sie herum gesprochen wird. Sprachfähig werden beginnt also mit dem Zuhören – auch bei einer Fremdsprache. Jakobus veranschaulicht dies, indem wir so schnell wie möglich hören und so langsam wie möglich beim Reden und Zorn sein sollen. Nicht umsonst hat Gott uns zwei Ohren, aber nur einen Mund geschenkt. Oft sind wir aber unterwegs, als hätten wir zehn Münder und nur ein halbes Ohr. Und dann passiert es schnell, dass wir weder Gott noch unsere Mitmenschen verstehen, sondern nur unsere eigenen Gedanken auf sie projizieren. Nichts haben wir verstanden in unseren Echo-Räumen, da wir nur das hören, was wir hören wollen!

 

Wer sprachfähig(er) werden will im Glauben, muss vor allen Dingen ein guter Zuhörer sein. Der muss sich einlassen auf Gottes Wort. Die Bibel ist das einzige Buch, welches ich seit über 30 Jahren regelmäßig lese und welches nie aufgehört hat mich zu faszinieren. Was darin steht, ist so tief, heilsam provokativ, alle Zeiten überdauernd und spannungsvoll wie das Leben selbst. Besonders zum Klingen kommt es, wenn man es mit anderen zusammen hört, sich austauscht und wichtige Verstehenshilfen mit auf den Weg bekommt.  Und wenn man sich dann richtig ins Wort Gottes vertieft und in dessen Mitte Jesus Christus begegnet – dann gibt es nur noch eine Richtung: hin zu den Menschen! Sie verstehen lernen. So wie Jesus selbst, der dafür den Himmel verlassen hat. Das bedeutet zuallererst, dass ich ihre Einsichten ins Leben und an das, was sie glauben, ernst nehme, versuche zu verstehen und mehr noch: Dass ich ihre Einwände gegenüber dem christlichen Glauben schätzen lerne, weil ihre Fragen neue Räume eröffnen, Gott miteinander tiefer kennenzulernen. Und somit bleibt es das größte Abenteuer, mit Menschen gemeinsam im Dialog zu entdecken, welche Spuren Gott schon in ihrem Leben hinterlassen hat und wo er mit ihnen hin will.
Von daher: NEUE ZUHÖRER BRAUCHT DAS LAND!

 

1.    Lasst euch mit Gott versöhnen! (2. Kor 5,20)

Wer die Botschaft von der Versöhnung Gottes mit uns Menschen „anstelle von Christus“ ausrichten will, der weiß: Sprache umfasst viel mehr als gesprochene Worte. Als Botschafter geht es um meine ganze Existenz. Mein Leben, meine Worte sind ein Dienst, ein Werben und eine einzige Bitte - „so bitten wir anstelle von Christus“ - darum: Lass dich auf diese wahrlich verrückt klingende Nachricht ein, dass in Christus Gott selbst am Werk war und uns besucht hat.

Und mehr noch: Er hat uns nicht nur besucht, sondern er hat eine Liebe zurück auf die Welt gebracht, die selbstlos sich für den anderen hingibt. Die nicht wie ein berechnendes Geschäft in unserer durchkommerzialisierten Welt darauf angelegt ist, die gleiche Liebe wieder rückerstattet zu bekommen. Eine Liebe, die weder den Applaus sucht noch aufgibt, in einer kontakt-eingeschränkten Viruswelt mit dem anderen in Beziehung zu bleiben. Eine Liebe, die nicht mal den Feind als Feind anerkennt, wenn der sich auch noch so feindlich benimmt. Die den anderen nicht aufgibt – keinen aufgibt! Eine Liebe, die ich nur erfahren kann, wenn ich mich darauf einlasse.

 

Deswegen: Komm mit! Lass dich versöhnen! Mit Gott, mit dir selbst, mit deinen Zeitgenossen. Und ich selbst will nicht aufhören, damit täglich bei mir anzufangen: Aus der Versöhnung zu leben. Denn sprachfähig zu werden heißt, zuerst liebensfähig zu werden. Lasst uns dies einüben.
Denn ich bin mir sicher: SOLCHE BOTSCHAFTER BRAUCHT DAS LAND!
Die die Sprache der selbstlosen Liebe sprechen.

 

2.    Rechenschaft geben über die Hoffnung (1. Petr 3,15)

Covid-19 hat uns die Zerbrechlichkeit unserer hochkomplexen und globalisierten Lebenswelt vor Augen geführt. Die Einsamkeit und Isoliertheit, die sowieso in unserer Gesellschaft ein Dauerbrennerthema ist, wurde in Altenheimen, Krankenhäusern aber auch in vielen Wohnungen grausam sichtbar. Und unser Engagement im CVJM hat es mit getroffen, da unser Kerngeschäft auf das Engste mit Gemeinschaft verbunden ist. Hoffnungsvoll waren da sicherlich viele kreative Aufbrüche auf digitalen Wegen. Bis März hatte ich nicht geglaubt, dass Videokonferenzen positive Emotionen, wie Mitgefühl und Hoffnung, auslösen können. Doch nicht selten wurde in den Gebeten bei diesen Treffen dafür gedankt, wie technische Hilfsmittel uns helfen die verordnete und notwendige Isoliertheit zu überwinden.

 

Doch wie geht es jetzt weiter? In der „neuen Realität“, in der auch 2021 Mr. Corona unser Leben bedrohen und unser Miteinander einschränken wird? Was heißt es hier „Rechenschaft zu geben über die Hoffnung, die uns erfüllt“? Wie geht das „bereit zu sein, allen, die fragen, Rede und Antwort zu stehen“? Wie kann die Kinder- und Jugendarbeit des CVJM in einer depressiven und manchmal auch aggressiv machenden Krise Hoffnung schenken? Wenn man uns jemals gebraucht hat, da bin ich mir sicher – dann jetzt. Gemeinschaft zu pflegen, Hoffnung auszustrahlen, in guten Zeiten, ist einfach. Aber die Hoffnung nicht zu verlieren, wenn es eng wird, das ist die Kunst bzw. das ist das Ergebnis lebendigen Vertrauens auf Gott, der größer ist als jede Krise.
Von daher: MUTBÜRGER UND NICHT WUTBÜRGER BRAUCHT DIESES LAND! Bist du dabei?

 

Mit diesen ersten Entdeckungen hoffe ich euch Lust gemacht zu haben auf das Jahresthema 2021 „Im Glauben sprachfähig zu werden“. Denn dank Gabriel wissen wir, dass die Sprache der Schlüssel zum anderen ist und es einen Unterschied macht, ob ich einen Fahrradfahrer überhole oder überfahre. Von daher freue ich mich auf jede Begegnung mit euch und bete, dass wir als CVJM an unserer in Jesus begründeten Hoffnung erkannt werden.

 

In diesem Sinne und in Christus verbunden

Euer Michael

 

CVJM Magazin 01|21