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21.06.2018 10:49 Alter: 27 days
Kategorie: Aus dem Landesverband

Begegnungen beim Schuleinsatz des Teams Integration & Geflüchtete...

...oder was ein Fantrikot mit Integration zu tun haben kann


Hammelburg Den Aha-Effekt gibt es gleich zu Beginn. Youssef Alhamadeh, 23-jähriger Flüchtling aus Syrien, tritt im Fantrikot der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft vor die Schüler der 11. Jahrgangsstufe des Frobenius-Gymnasiums, um ihnen Rede und Antwort zu stehen. Zwei Unterrichtsstunden lang berichtet er auf Einladung der Fachschaft Religion und des CVJM über seine Flucht und die Chancen und Schwierigkeiten der Integration. Vor allem aber will er in der persönlichen Begegnung Vorurteile abbauen und Ängste nehmen. Ängste, die im Zusammenhang mit Pauschalierungen und immer schärfer geführten Diskussionen das Land zu spalten drohen.

Youssef ist ein sympathischer junger Mann. Aufgeschlossen und offen erzählt er von seinen Erfahrungen in Deutschland, wo er nach mehrjähriger Flucht seit 2015 eine neue Heimat zu finden versucht. Einen Ankerpunkt fernab seiner eigentlichen Heimat, die durch Krieg und Zerstörung den Menschen schon lange keine Sicherheit bietet. In einem Land, in dem er jeden Tag um sein Leben bangen müsste. Youssef ist 15, als er auf eigene Faust seinen kleinen Heimatort nahe Idlib rund 50 Kilometer südöstlich von Aleppo verlässt. Das war 2010. Seine Familie -  Mutter, Vater und zehn Geschwister - bleiben zurück. Erst fünf Jahre später gelangt der junge Moslem nach Zwischenstationen im Libanon und der Türkei, Aufenthalten in Flüchtlingslagern und kalten Nächten mit völlig durchnässter Kleidung im Wald nahe der Grenzen auf der Balkanroute nach Deutschland. Inzwischen ist Youssef Alhamadeh als Flüchtling anerkannt, er hat nahezu perfekt Deutsch gelernt, als Lagerarbeiter gearbeitet, und über Angebote des CVJM viele neue Freunde kennen gelernt. Youssef gilt als Beispiel gelingender Integration.

Dass Integration freilich kein Selbstläufer, sondern Herausforderung für alle Seiten bedeutet, wird nicht erst in der Diskussion mit den Schülern deutlich. So hat sich Youssef nach seiner Ankunft in Dortmund, ohne auch nur ein Wort Deutsch zu können, zunächst bei der Polizei gemeldet. Er kam in ein Asylbewerberheim und wurde via Flüchtlingstransfer später nach Brandenburg gebracht. Dort wartet er sechs Monate auf die Möglichkeit, einen Sprachkurs besuchen zu dürfen. Bis zur Aufenthaltsgestattung vergeht sogar ein ganzes Jahr.
Dann endlich kommt er nach Nürnberg, findet sogar eine Arbeit als Komissionär in einem kleinen Unternehmen. Als dieses ein Jahr später in Konkurs geht, verliert er seinen Job wieder. Nicht aber seinen Willen zur Integration. „Über den CVJM habe ich viele Leute kennen gelernt und Freunde gefunden“, sagt er. Dort fühle er sich aufgehoben. Längst bringt er sich ein und engagiert sich ehrenamtlich in einer internationalen Gruppe des CVJM Nürnberg.

Verständnis wecken

Wie wichtig solche Angebote und Engagement sind, unterstreichen Thomas Göttlicher und Jakob Schlosser. Beide sind hauptamtliche Mitarbeiter im CVJM. Sie kümmern sich zusammen mit vielen Ehrenamtlichen um die Integration der Geflüchteten und werben für besseres gegenseitiges Verständnis. „Wir brauchen die persönlichen Begegnungen“, sagt Schlosser. Erst die Interaktion, das Miteinander, schaffe gegenseitiges Verständnis. Eine Art Ghettoisierung, wie sie in den geplanten Ankerzentren erfolge, sei der gänzlich falsche Weg, ergänzt Thomas Göttlicher. Auch Verallgemeinerung und Vorurteile seien denkbar  schlechteste Voraussetzungen, den einzelnen Menschen zu integrieren.
Dass aber trotzt aller Angebote die Integration eine stete Herausforderung bleibt, sagt auch Youssef. „Es ist schwer“, antwortet er auf die Frage, wie man sich an die Deutsche Kultur anpassen könne. Und das habe nichts mit mangelnder Bereitschaft zu tun. „Ich bin bereit“, sagt der junge Mann mit den wachen dunklen Augen, und „ich versuche mich zu unterhalten und Neues zu lernen“. Aber die Kontakte beschränken sich auf den Freundeskreis aus den Angeboten des CVJM. Zur übrigen Bevölkerung habe er kaum Zugang. „Ich glaube, die Leute haben Angst vor Flüchtlingen“, spürt er häufig ablehnende Haltung.

„Es ist für Flüchtlinge schwierig aus dem eigenen Dunstkreis herauszukommen“, berichten Thomas Göttlicher und Jakob Schlosser von ihren mehrjährigen Erfahrungen in der Flüchtlings- und Integrationsarbeit. Beide rufen die Schüler dazu auf, selbst den Kontakt mit Flüchtlingen zu suchen und in jedem Einzelnen von ihnen den ganz individuellen Menschen zu sehen. „Wir müssen den Blick nach vorne richten, denn wir haben einen Auftrag und eine Fürsorgeverantwortung für die Flüchtlinge.“
Den Blick nach vorne richtet auch Youssef Alhamadeh. Zurzeit besucht er an fünf Tagen in der Woche die Sprachschule in Nürnberg, um sich nach erfolgreicher B1-Prüfung und das Zertifikat des Sprachlevels B2 vorzubereiten. Parallel dazu besucht er die Abendrealschule, um sich weiter zu qualifizieren. Gerne würde Youssef einmal Bankkaufmann werden – oder seinen Traumberuf als Pilot erreichen. Doch nicht nur bis dahin ist noch ein weiter Weg.

Hans-Jürgen Burdack, CVJM Hammelburg

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